Ruanda: Unsere Lehrmittel zum ersten Mal in Afrika

Auf dem Hof des Muhabura Integrated Polytechnic College im Norden Ruandas stehen 29 Auszubildende in blauen Overalls um ein Aluminiumgestell. 14 junge Frauen, 15 junge Männer, Fachrichtung Elektrotechnik. Vor ihnen liegt ein Solarmodul, daneben Schrauben, Kabel, ein Schaltkasten. Drinnen im Klassenraum stehen die Stationen des PV-Experimentesets, an denen sie am Morgen Kennlinien gemessen und den besten Neigungswinkel gesucht haben. Am Ende des Vormittags steht die Anlage, das Modul ist zur Sonne geneigt, und im Schaltkasten fließt zum ersten Mal Strom, den sie selbst erzeugt haben.
Beides kennen wir gut. Es sind unsere pädagogische PV-Anlage und unser PV-Experimenteset, gebaut in der Caritas Brucker Werkstatt in Fürstenfeldbruck, rund 6.000 Kilometer entfernt. Dass sie an diesem Tag in Musanze im Einsatz sind, ist keine Idee aus unserem Büro. Es ist die Geschichte eines kleinen Vereins, der zwei Lehrmittel gekauft und nach Ruanda gebracht hat: das Experimenteset als Paket, die Lehranlage mit deutlich mehr Aufwand.
Ein Verein mit einem Plan
Rediscovering Rwanda e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Bildungs- und Entwicklungsprojekte in Ruanda unterstützt. Gaspard Ngarambe und Joseph Iradukunda, die das Projekt verantworten, hatten eine klare Beobachtung: An den technischen und berufsbildenden Schulen des Landes wird Solarenergie unterrichtet, aber fast nur an der Tafel. Geräte zum Anfassen fehlen, und Geld für Ausstattung gibt es kaum. Dabei ist Solarstrom gerade für die ländlichen Regionen ohne stabilen Netzanschluss die naheliegendste Energiequelle, und der Sektor sucht Fachkräfte.
Ihre Antwort hieß „Power2Learn – Mobile Solar Workshop“: eine Schulungsausstattung, die von Schule zu Schule reisen kann, und ein Multiplikatorenprinzip, bei dem erst Lehrkräfte geschult werden, die ihr Wissen dann an Kolleginnen, Kollegen und Schülerschaft weitergeben. Für die Ausstattung wurden sie bei uns fündig. Der Verein kaufte ein PV-Experimenteset und eine pädagogische PV-Anlage, genau die Lehrmittel, mit denen auch Schulen in Bayern, Irland oder Wales arbeiten. Wir wurden zum Kooperationspartner, lokaler Partner vor Ort ist die Organisation CPR.

Am 8. November 2025 trafen wir uns in München zur Übergabe. Ein Tag Einführung in die Experimente, Aufbau und Abbau der Anlage, Fragen zu Transport und Wartung. Dann ging die Ausstattung auf die Reise, und die war alles andere als einfach. Das Experimenteset ist der leichte Teil: vier Boxen zu je zwölf Kilo, die man überallhin per Paketdienst schicken kann. Die Lehranlage mit Gestell, Standfuß, Tisch und Schaltkasten wiegt dagegen so viel, dass der Transport zur eigentlichen logistischen Aufgabe des Projekts wurde. Die Solarmodule selbst blieben gleich in Deutschland: zu sperrig für die Reise. Rediscovering Rwanda beschaffte sie vor Ort in Ruanda, was nebenbei zeigt, dass unsere Anlage mit handelsüblichen Modulen funktioniert, wo immer sie steht.
Von Kigali nach Musanze
Sechs Wochen später, am 18. und 19. Dezember 2025, stand die Anlage im Isano Training Center in Kigali. 14 Lehrkräfte technischer und berufsbildender Schulen waren gekommen, dazu drei Projektmanager des Partners CPR und zwei Solarexperten aus Wissenschaft und Hochschule. Zwei Tage lang ging es durch die vier Experimente des PV-Experimentesets: Wie hängt der Ertrag vom Neigungswinkel ab? Was passiert, wenn man Zellen in Reihe oder parallel schaltet? Wo liegt der Punkt maximaler Leistung? Was macht eine gute Zelle aus? Danach bauten die Lehrkräfte die Anlage zum ersten Mal selbst auf, mit denselben Anleitungen, die auch Achtklässler in Bayern benutzen.
Die Fotos aus Kigali zeigen, was wir aus deutschen Klassenzimmern kennen: Menschen, die über ein Arbeitsblatt gebeugt diskutieren, die zu dritt eine Querstrebe halten, die auf das Messgerät schauen, wenn das Modul in die Sonne gedreht wird. Dass auf dem Arbeitsblatt Englisch steht und vor dem Fenster die Hügel von Kigali liegen, ändert daran nichts.

Am 31. März 2026 folgte der dritte Schritt in Musanze. Jetzt unterrichteten die geschulten Lehrkräfte selbst. Mit den 29 Auszubildenden des Muhabura Integrated Polytechnic College gingen sie die Experimente durch, bauten die Anlage auf und wieder ab, erfassten Messdaten und werteten sie aus. Dazu kam eine Einführung in Installation, Betrieb und Wartung von PV-Anlagen, also genau das Handwerk, das die jungen Leute später ausführen werden. Für viele von ihnen war es das erste Mal, dass sie eine Solaranlage nicht nur im Lehrbuch, sondern in den Händen hatten.
Was bleibt

Nach den Workshops in Kigali und Musanze hat Rediscovering Rwanda die Teilnehmenden befragt. Das Ergebnis liest sich für uns wie ein Zeugnis: Alle Teilnehmenden sehen in Solarenergie den Schlüssel für die Stromversorgung ländlicher Regionen, die große Mehrheit will ihr Wissen weiter ausbauen, und sowohl das Experimenteset als auch die Lehranlage wurden als äußerst wirksame Lehr- und Lerninstrumente bewertet. Die beteiligten Schulen möchten die Ausstattung dauerhaft im Unterricht einsetzen.
Der Bericht nennt auch die Hürden, und wir finden es richtig, sie nicht zu verschweigen. Die meisten technischen Schulen in Ruanda können sich solche Ausstattung nicht leisten, und der Zugang zu moderner Experimentierausstattung bleibt eingeschränkt. Eine mobile Anlage, die von Schule zu Schule reist, ist eine kluge Antwort darauf, aber sie bleibt eine einzelne Anlage.
Deshalb haben die Partner verabredet, wie es weitergeht: weitere Mittel für zusätzliche Ausstattung einwerben, die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Fachleuten und Projektpartnern ausbauen, die Weitergabe des Wissens durch die geschulten Lehrkräfte fortsetzen. Und ein Punkt, der uns besonders freut: Es wird geprüft, ob einzelne Komponenten künftig in Ruanda selbst gefertigt und montiert werden können. Ein Lehrmittel, das in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Oberbayern entstanden ist, könnte so zum Vorbild für eine Werkstatt in Ostafrika werden.
Dass wir erst jetzt darüber schreiben, hat einen einfachen Grund: Der Projektbericht von Rediscovering Rwanda hat uns vor Kurzem erreicht, und wir wollten die Geschichte mit den Zahlen, Fotos und Rückmeldungen erzählen, die er enthält, nicht vorher aus der Ferne.
Warum uns diese Geschichte so viel bedeutet
Wir haben unsere Lehrmittel für Schulen in Deutschland entwickelt, und wir haben sie nie als Entwicklungshilfe gedacht. Umso mehr berührt uns, dass ein Verein von sich aus entschieden hat, genau diese Materialien nach Ruanda zu bringen, weil sie dort ein echtes Problem lösen. Es bestätigt etwas, woran wir seit der Gründung glauben: Eine Solaranlage, die man mit eigenen Händen aufbaut, versteht man überall auf der Welt gleich gut. Physik braucht keine Übersetzung.
Und es zeigt, was unsere Lehrmittel können, wenn man sie reisen lässt. Dieselbe Anlage, die in Schlehdorf Schülerinnen und Schüler dazu gebracht hat, ihre eigene Photovoltaikanlage zu planen, hat in Musanze angehende Elektrotechnikerinnen und Elektrotechniker auf ihren Beruf vorbereitet. Wir danken Gaspard Ngarambe, Joseph Iradukunda und dem ganzen Team von Rediscovering Rwanda e.V., dem Partner CPR, den Lehrkräften, die sich auf das Experiment eingelassen haben, und den 29 Auszubildenden in Musanze, die uns gezeigt haben, wie weit eine Idee kommen kann.
Sie kennen eine Organisation, die unsere Lehrmittel an einen Ort bringen möchte, an dem sie gebraucht werden? Oder Sie möchten helfen, dass die nächste Anlage nach Ruanda kommt? Schreiben Sie uns an kontakt@solarbildung.org.
Projektbericht: Gaspard Ngarambe und Joseph Iradukunda (Rediscovering Rwanda e.V.), Juni 2026. Fotos: Rediscovering Rwanda e.V.




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